Zur Zeit wird sehr heftig darüber diskutiert, ob wir im Stande sind, uns erfolgreich zu verteidigen. Nicht nur, dass nach allgemeinem Empfinden die Gefahren zugenommen haben, die unsere Freiheit bedrohen, auch haben sich die Rahmenbedingungen unserer Sicherheits-architektur seit der Regierungsübernahme von Tramp grundlegend verändert. Seit dem Kriegsende war uns das Bündnis mit den Vereinigten Staaten so selbstverständlich geworden, dass uns niemand und nichts in Unruhe versetzen konnte. Selbst während des kalten Krieges gab es Zeiten der Sorge, wie sich aufgetretene Spannungen entwickeln würden, doch gab es nie einen Grund, an dem Verteidigungswille der USA zu zweifeln. Rückblickend müssen wir uns eingestehen, dass wir uns immer wieder mal gegen Aufrüstung und Stationierung von Waffensystemen gewehrt haben, doch war es angenehm, im Schutz einer verlässlichen Macht zu leben, und zu jeder Tages- und Nachtzeit geschützt zu sein. Auch, als die Bedrohung von außen durch die Auflösung der Sowjetunion wegfiel, lebte das Gefühl der Sicherheit in dem Bewusstsein einer unauflösbaren Bündnispartnerschaft fort. Es etablierte sich eine Denkweise, die sich aus dem Weltgeschehen komplett ausblenden konnte. Die gelegentlichen Muskelspiele beunruhigten nicht sonderlich, weil die Bündnis-fragen eindeutig geklärt waren.

Nun hat sich Amerika von seinen eingegangenen Verpflichtungen verabschiedet. Die Pax Amerikana wurde aufgekündigt. Langsam beginnen die Menschen zu erahnen, was „America first“ bedeutet. Seit der Eingliederung von Elon Musk in das Regierungssystem wütet die Symbiose von Macht und Geld. Trump hat als Spieler die Ägide übernommen. Geopolitisch hat er die Seiten gewechselt, geht auf Russland zu, treibt mit der Ukraine ein entsetzliches Spiel und bedient sich auf offener Bühne der Lügen und erpresserischer Methoden. Amerika ist in der Welt kein Ordnungsfaktor mehr. Mit Drohungen, Demütigungen und Erpressungen ist es dabei, sich Vorteile zu verschaffen. Kaum vorstellbar, dass Vertrauen in Zukunft die Grundlage von bilateralen Beziehungen, von Freundschaften oder Bündnissen sein kann. Die Konsequenzen für die zukünftige Weltordnung sind heute noch nicht absehbar. Während er in seinem Oval Office sitzt und große Sprüche klopft, geht Putin in schlichtem, militärischem Overall an die Front und gibt den Befehl, die Kursk-Region umgehend zurückzuerobern. Krieg der Worte, Krieg der Taten.

Groß waren die Worte der deutschen Regierung auch im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine. Stets reichte das, was wir großmundig an Unterstützung leisteten, nicht aus, um der Ukraine zum Erfolg zu verhelfen. Wir brüsteten uns, viel zu geben, aber wir gaben nicht alles und vieles zu spät, weil wir Angst hatten, in den Kampf um die Freiheit verwickelt zu werden. Mit einer Hilfe, die sich erst einen Weg durch die Angst bahnen muss, ist niemandem geholfen. Wenn wir die Taten an unseren Worten messen, dann müssen wir beschämt feststellen, dass wir die Ukraine schändlich im Stich gelassen haben. Durch diese Führungsschwäche haben wir auch den Glauben an uns selbst verloren. Was wir taten, hält einer moralischen Überprüfung nicht Stand. Wir sorgten dafür, dass der Krieg weitergeführt werden konnte, weil wir aber nicht alles gaben und vieles zu spät, musste die Ukraine immer wieder Gebietsverluste hinnehmen. Doch es lag nicht allein an Deutschland. Halbherzig reagierte auch Europa und alle schauten wir zu, wie im Versagen der westlichen Welt die Menschen in der Ukraine allein gelassen wurden, von Russland zerstört, von Amerika verraten.

In dieser Lage sind wir genötigt, eine Bestandsaufnahme von unserer eigenen Situation zu machen, von Deutschland und von Europa. Deutschland ist führungsschwach; Europa müsste es nicht sein. Leider schafft es Europa nicht, das eigene Haus in Ordnung zu bringen. Das Prinzip der Einstimmigkeit ist ein lobenswertes Ansinnen in einem idealisierten System, in Wahrheit aber ist es weltfremd und nicht realitätstauglich. In Krisensituationen ist es lediglich dazu geeignet, einen Verbund zu schwächen. Zu lange schon ist dieses schwächende Moment unkorrigiert geblieben. Der Europäischen Union gelingt es nicht, ihr wirtschaftliches Potential. In politische und militärische Einflussnahme umzumünzen. Sie ist umgeben von sich imperialistisch gebärdenden Großmächten und liegt da wie ein schalenloses Krustentier, wie eine Idee, die sich nicht zu wehren weiß.

Wir müssen anfangen uns selbst zu verstehen, damit wir auf die Herausforderungen der Zeit konstruktiv reagieren zu können. Wie leben wir und was treibt uns an? Wo sind die Werte und die unveräußerlichen Überzeugungen, die uns verlässliche Orientierung geben in den Turbulenzen des Weltgeschehens? Wir haben uns in dieser Welt häuslich eingerichtet; alles, was wir zum Leben benötigen, steht uns zur Verfügung. Solidarität und Hilfe sind weitgehend institutionell geregelt; diesbezüglich sind wir entlastet. Wir sind dabei, unsere Lebensöko-nomie neu zu sortieren, indem wir um eine Ausgewogenheit zwischen Arbeit und Freizeit bemüht sind, zwischen Pflicht und freier Verfügung. Der Kommerz und eine florierende Unterhaltungsindustrie haben eine Vorstellung entstehen lassen, nach der die Welt mit der Fülle ihrer Möglichkeiten allein für den eigenen Gewinn, den eigenen Vorteil, das eigene Vergnügen verantwortlich sei und nicht etwa der Einzelne der Welt verpflichtet sei. Diese Art des Frei-Seins hat zu einer lebensverändernden Sichtweise beigetragen, in der Weise, dass Pflicht und Arbeit grundsätzlich negativ besetzt sind, während das bindungslose Frei-Sein als erstrebenswerter Lebensinhalt verstanden wird.

In dieser Einstellung reduziert sich der Wille in der Welt ausschließlichen auf das ICH. Das ICH aber, wenn es die Erfahrung macht, eingebettet zu sein in Wohlstand und verlässlicher Versorgung, wird einsam, nicht zuletzt, weil es die Kräfte nicht mehr trainiert, die das Leben groß sein lassen. Doch, noch etwas anderes zeichnet sich ab, ein ICH, der leidenschaftslosen Bequemlichkeit verfallen, entwickelt Ängste; es wird die Angst nicht los, diesen angenehmen Zustand der liebgewordenen Gewohnheiten zu verlieren. Dies lässt sich am Beispiel der aktuellen politischen Situation deutlich machen. Am Anfang war die Bereitschaft, die Ukraine in ihrem Verteidigungskampf zu unterstützen groß, weil man von der Skrupellosigkeit des Aggressors betroffen und von dem unsagbaren Leid der Menschen berührt war. Groß war die Absicht der Hilfe, der die Taten aber nur zögerlich folgten. Es war die Angst, selbst in den Krieg verwickelt zu werden. Man sah, wie die Werte der Demokratie geschändet werden und man teilte die Anschauung, dass auch unsere Freiheit bedroht ist, doch die Angst, selbst etwas zu verlieren war größer als die moralische Verpflichtung, anderen Menschen in ihrer Not beizustehen. Das Entsetzen über den Krieg verlor nach und nach seine belastende Dringlichkeit und die Gewohnheiten des Alltäglichen beschwichtigten die Gemüter. Ängste forcierten das Zögern; im Zögern aber verliert der Wille die Kraft des Handelns und so schafft es Europa nicht, trotz seiner wirtschaftlichen Kompetenz dem russischen Kriegstreiben etwas entgegenzusetzen.

Bei der Beschreibung des Seelenzustandes unserer Gesellschaft kann nicht unbemerkt bleiben, dass die gesunde Ernährung sowie die körperliche Verfassung eine immer größere, ja fast religiöse Rolle spielen und die Beobachtung, dass sich Mädchen schon in frühem Alter mit Kosmetik im Sinne von „anti aging“ befassen. Zu erwähnen sind nicht weniger die zahlreichen Kirchenaustritte. Eine Erscheinung nur oder ein Symptom für eine tiefgreifende Veränderung der Lebensdeutung? Der heutige Mensch geht davon aus, für sich und sein Dasein selbst verantwortlich zu sein, so, wie er auch glaubt, alles selbst beeinflussen zu können Es handelt sich dabei zweifellos um eine zunehmende Abkehr von einem über Jahrhunderte verinnerlichten Gottesbewusstsein. Es ist aber nicht nur eine Abkehr von Gott, sondern auch eine Loslösung aus seinen Ordnungen. Ohne Not entziehen wir uns seinem Willen, um unser Leben selbst in die Hand zu nehmen. Während wir die Fähigkeit verlieren, zu vertrauen, wachsen Misstrauen und Ängste. Dies sei hier nur angemerkt: Die ausufernde Bürokratie ist zum großen Teil eine unmittelbare Folge des zunehmenden Vertrauens-verlustes. Zunehmende Ängste sind Wegbereiter für Fremdenfeindlichkeit und nicht weniger für Hass und Hetze. Das durch Wohlstand und Kommerz vermittelte Wohlgefühl kann die glaubensvermittelte und Orientierung gebende göttliche Kraft nicht ersetzen. So ist nicht zu bestreiten, dass uns die zunehmende Selbstermächtigung unsicherer gemacht hat. Wir erleben den Zustand der Entwurzelung. Weil uns das Vertrauen in uns selbst abhandengekommen ist, müssen wir uns vor dem Fremden fürchten. Nicht von ungefähr scheitern wir an der Bewältigung des Migrationsproblems. Wir wissen nicht mehr, wer wir sind; wir haben die Mitte verloren.